SARS-CoV-2: Kann ich mich ein Zweites Mal infizieren und Erkranken?

Eine britische Studie zeigt, dass das Risiko für eine 2. Infektion innerhalb der nächten 6 Monate gering ist

New England Journal of Medicine:  Lumley SF, O’Donnell D, Stoesser NE et al: Antibody Status and Incidence of SARS-CoV-2 Infection in Health Care Workers, December 23, 2020 DOI: 10.1056/NEJMoa2034545

 

Was wissen wir nun?  

Die Gefahr, sich ein zweites Mal mit SARS-CoV-2 zu infizieren, ist vermutlich sehr gering. Dies zeigt eine britische Studie, die aktuell im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde. Wenn bei einem einmal infizierten Menschen spezifische SARS-CoV-2 Antikörper nachgewiesen werden konnten, war eine zweite Infektion (zumindest in einem Zeitraum von 6 Monaten nach der Erst-Infektion) sehr unwahrscheinlich. Eine COVID Erkrankung trat bei Vorhandensein von Antikörpern gar nicht auf.  

 

Was wurde untersucht?

SARS-CoV-2 Antikörper aus regelmässigen Blutproben (Antikörpertests) und SARS-CoV-2 Nachweis aus regelmässigen Nasen-Rachenabstrichen (PCR Test) von 12.541 Mitarbeitern des Universitätsklinikums Oxford.

Erfasst wurde die Häufigkeit von SARS-CoV-2-Infektionen (Nachweis durch PCR) in einem Zeitraum von 6 Monaten in 2 Gruppen. Die eine Gruppe hatte zu Beginn der Studie bereits Antikörper nachweisbar, d.h., hatte schon vorher Kontakt zu SARS-CoV- 2. Die andere Gruppe hatte keine nachweisbaren Antikörper, d.h. auch noch keine SARS-CoV-2 Infektion gehabt.

 

Was war das Ergebnis?

Zu Studienbeginn waren bei

  • 364 (90,6 %) keine Antikörper nachweisbar, diese waren also noch nie infiziert gewesen.
  • 1177 (9,4 %) Antikörper nachweisbar, diese waren somit bereits vor der Studie infiziert gewesen.

Von den 11.364 Personen mit negativem Antikörpertest infizierten sich im Studienverlauf 223  Personen (PCR-Test positiv). Davon zeigten etwa die Hälfte COVID-Symptome, bei den restlichen Mitarbeitern verlief die Infektion symptomlos.

Von den 1177 Personen, die bereits Antikörper hatten, wurden im Verlauf zwei erneut positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Beide zeigten aber keine Symptome.

 

Welche Fragen bleiben offen?

  • Wie lange dauert der Schutz an? 
  • Ist der Schutz vor einer Zweit-Infektion mit SARS-CoV-2 durch Antikörper und/oder durch Abwehrzellen vermittelt?

 

Mit der geringen Anzahl (2/1177 Personen) von Zweitinfektionen in einer vergleichsweisen kurzen Beobachtungszeit (6 Monate) kann aktuell mit Sicherheit gesagt werden, dass ein Schutz nach Infektion für mindestens 6 Monate anhält. Mit Kenntnis der Funktionen des menschlichen Immunsystems, kann man vermuten/hoffen, aber eben nicht sicher wissen, dass der Schutz oder zumindest ein gewisser Schutz auch länger vorhanden bleibt.

Ob ein Schutz nach einer SARS-CoV-2 Infektion auch länger anhält, hängt im wesentlichen davon ab, ob bei der Erstinfektion (oder auch bei einer Impfung !) neben der Produktion von spezifischen Antikörpern auch Abwehrzellen mit „Gedächtnisfunktion“ (sog. T-Zellen) gebildet werden. Während Antikörper häufig nur einige Monate nachweisbar sind, vermitteln T-Zellen einen sehr langen, manchmal sogar lebenslangen Schutz.  Bei Zweitkontakt mit dem Erreger können einzelne T-Zellen das gesamte „Immun-Orchester“ (inklusive Antikörper) in kürzester Zeit zu einer sehr effektiven Erregerabwehr formieren und damit die Erkrankung verhindern.

Untersuchungen mit Nachweis dieser Gedächtniszellen sind technisch möglich und werden derzeit auch durchgeführt. Sie sind aber ungleich komplizierter und teurer als Untersuchungen auf spezifische Antiköper und werden daher eher in kleineren Studien angewandt.

Interessant wird in diesem Zusammenhang auch die Frage, welche Impfantwort durch eine SARS-CoV-2 Impfung verursacht wird. Gibt es vielleicht sogar Unterschiede zwischen den einzelnen Impfstoffen, die ja teilweise einen unterschiedlichen Wirkmechanismus haben ?

Das menschliche Immunsystem ist zwar gut untersucht und viel ist  verstanden – aber eben nicht alles. Daher sind ganz sichere Aussagen zu Wirksamkeit und Dauer von Schutz nach Infektion/Impfung erst im Verlauf von Jahren durch Beobachtungsstudien möglich. Unabhängig von allen Labor-Untersuchungen – ob nun auf spezifische Antikörper oder spezifische Abwehrzellen: am Ende ist es entscheidender, ob sich in grossen „Beobachtungsstudien“ mit mehreren 10.000 oder besser 100.000 Personen nachweisen lässt, ob und unter welchen Bedingen eine Infektion bzw. die Erkrankung auftritt oder eben nicht.

 

Ihr Dr. Michael Dördelmann