RSV - Warum sind aktuell so viele Kinder so schwer krank?

Fieber, Schnupfen, Husten, laufende Nase… Gerade Eltern von kleinen Kindern kennen das. In der kalten Jahreszeit sind unsere Kinder ständig krank. Das ist also erstmal nichts Besonderes.

Aktuell erkranken auffallend viele Kinder an z.T. schweren Atemwegserkrankungen. Besonders häufig betroffen sind dabei Kinder zwischen 0 – 2 Jahre, die an einer Infektion der tieferen Atemwege (Bronchiolitis, Bronchopneumonie) durch den dem RS (Respiratory Synzytial) Virus leiden.

 

Was ist passiert?

Anscheinend werden Infektionen, die sonst im letzten Herbst/Winter/Frühjahr aufgetreten wären, jetzt „nachgeholt“ und treffen auf ein „Herden-Immunsystem“, das nicht ausreichend verbreitet ist. Im Rahmen der Corona-Lockdown Maßnahmen mit u.a. Kita Schließungen und großflächigen Kontaktbeschränkungen konnten sich die Viren nicht verbreiten. Durch die Kontaktbeschränkungen fehlte gewissermaßen der Kontakt mit spezifischen Erregern und somit auch die Möglichkeit, eine gewisse und effektive Herdenimmunität (vor allem der älteren Kinder) auszubilden. Denn normalerweise haben alle Kinder in den Herbst-Winter-Frühjahr Monaten regelmäßig Kontakt mit RS-Viren und immunisieren sich mit der Zeit quasi selbst jedes Jahr wieder. Größere, ansonsten gesunde Kinder (z.B. älter als 2 Jahre) bekommen in der Regel (wenn überhaupt) eher leichte Symptome mit etwas Husten und Schnupfen, wohingegen Säuglinge, die noch keine Immunität ausbilden, können deutlich schwerer erkranken.

Wo liegt das Problem?

Laut RKI (Robert-Koch-Institut) sind Kinder bis zu 4 Jahren gerade besonders schwer betroffen (wobei bei dieser Altersangabe alle Atemwegserkrankungen gemeint sind). Es steigen sowohl die Arztbesuche als auch die Krankenhauseinweisungen stark an. Derzeit werden nach den Angaben des RKI doppelt so viele Kinder stationär aufgenommen als in den Jahren zuvor. Dabei gibt es deutschlandweit regionale Unterschiede. Es gibt derzeit bereits einige Kinderkliniken, die an ihrer Belastungsgrenze arbeiten.

Die Fachgesellschaften sind laut RKI Pressemitteilungen alarmiert und zunehmend besorgt. Wenn in 1-2 Monaten noch die Grippewelle hinzukommt, bedeutet das mehr schwer kranke Kinder und einen steigenden Bedarf an Krankenhausbetten, die aber landesweit nicht zur Verfügung stehen, da es an Pflegepersonal fehlt.

Doch zurück zum RS-Virus….

Welche Kinder sind besonders gefährdet?

  • Frühgeborene (die unreifer als 29. SSW und/oder leichter als 1000g geboren wurden) und aktuell jünger als 12 Monate (bzw. je nach Ausprägung der Bronchopulmonalen Dysplasie jünger als 36 Monate alt sind)
  • Säuglinge jünger als 3 (-6) Monate
  • chronisch schwer lungenkranke Kinder
  • Kinder mit spezifischen angeborenen Herzfehlern
  • Kinder mit schweren neurologischen Erkrankungen
  • Immungeschwächte Kinder
  • Kinder mit Syndromen wie z.B. Trisomie 21

 

Worauf müsst ihr achten?

Neben den Risikogruppen (s.o) sind aber generell Säuglinge bis zu einem Alter von ca. 12 Monaten gefährdet. Das bedeutet, sobald sie Nahrung (Trinken und ggf. Essen) um mehr als 1/3 ihrer üblichen Menge verweigern, müssen sie häufig im Krankenhaus behandelt werden.

Bei sehr kleinen Säuglingen bis zum Alter von 3 Monaten, ist man mit der stationären Aufnahme deutlich strenger. Hier sollten Säuglinge, die durch RSV Infektion so krank sind, dass sie ärztlich vorgestellt werden, aber erst weniger als 5 Krankheitstage erkrankt sind eher stationär für 24-48 Stunden zumindest überwacht werden. Denn bei jungen Säuglingen mit einer mäßigen bis schweren RS Erkrankungen besteht die Gefahr von gefährlichen Atempausen oder schwerem Verlauf gerade nach dem 4./5. Erkrankungstag. Ab dem 7.-8.(-9.) Erkrankungstag geht es in der Regel wieder aufwärts.

 

Was könnt ihr tun?

  1. Eure Kinder MÜSSEN ausreichend (mindestens 75% der üblichen Tagesmenge) trinken. In dem Alter zumeist Muttermilch oder Formularnahrung (Pre-Milch). Ggf. häufig und in kleinen Mengen anbieten, da die Kinder rasch erschöpfen.

Tee oder Wasser sind in dieser Situation eher nicht geeignet, außer die größeren Kinder essen bereits ausreichend Beikost.

  1. Zum Trinken müssen die Säuglinge durch die Nase Luft bekommen, weil Säuglinge beim Trinken weitgehend auf ihre Nasenatmung angewiesen sind.

 

Therapie:

  • Obere Atemwege offen halten
    • Spülen bzw. Lösen des Nasensekrets mit NaCl 0.9% Nasentropfen und ggf. anschließendes Absaugen mit Saugern, die einen dauerhaften Sog vor dem Nasenloch erzeugen, aber NICHT IN DIE NASENGÄNGE eingebracht werden. Falls das nicht reicht:
    • Abschwellende Nasentropfen FÜR SÄUGLINGE (ACHTUNG max 3 x tgl und nur die aktuell zugelassenen Präparate)
  • Krankheitsgefühl und Schmerzen proaktiv nehmen
    • Paracetamol oder Ibuprofen in gewichtsangepasster Dosis z.B. 8stl.
  • Manchmal helfen Inhalationen mit Salbutamol oder Epinephrin. Aber dies sollte im Krankenhaus unter erfahrener Überwachung „ausprobiert“ werden
  • Nicht geeignet oder teilweise sogar schädlich sind: jede Form von für die Atemwege „irritativen“ Salben, Inhalationen/Aerosole oder anderen Stoffen
  • Solange es kein Hinweise auf eine möglicherweise „zusätzliche“ Infektion durch Bakterien gibt sind Antibiotika nicht geeignet.

 

Im Krankenhaus bekommen die Kinder je nach Problem die gleiche Therapie wie zuhause und ggf. zusätzlich Flüssigkeit/Ernährung über die Vene, Sauerstoff oder auch maschinelle Atemunterstützung. Ein sinnvolles Medikament gegen das Virus gibt es nicht wirklich.

Säuglinge, die spezifische Risiken aufweisen (siehe oben „Welche Kinder sind besonders gefährdet?“ mit Ausnahme der „gesunden“ Säuglinge jünger 3 Monate) können in der Risikozeit („RS-Saison“, z.B. Oktober bis April) passiv mit Antikörpern, die monatlich in den Muskel gespritzt werden, geschützt werden. Das betrifft aber vergleichsweise wenige Säuglinge. Durch diese Impfung werden aber auch keine Todesfälle oder Langzeitfolgen, sondern nur Krankenhausaufenthalte, vermindert.

Eine aktive Impfung wie zum Beispiel gegen Influenza oder Keuchhusten gibt derzeit noch nicht, obwohl schon lange daran geforscht wird.

 

Worauf müsst ihr euch im Verlauf einstellen?

Jeder Virusinfekt braucht seine Zeit. Die Dauer der Symptome und der Verlauf der Erkrankung kann bis zu 6 Wochen dauern. Das heißt, wenn es eurem Kind sonst gut geht, müsst ihr euch nicht unbedingt Sorgen machen, wenn der Husten ca. 4 Wochen anhält. Das ist bei RS-Infektionen sogar eher typisch, weil diese Viren typischerweise die Flimmerhäärchen der Atemwege schädigen. Dadurch kann das normale Atemwegssekret auch nach der Infektion längere Zeit nicht so effektiv aus den Atemwegen transportiert werden und wird daher für längere Zeit durch Husten mobilisiert.

Wenn die Diagnose bei eurem Kind gestellt wurde, müsst ihr darüber hinaus wissen, dass euer Kind mindestens bis 2 aber zuweilen sogar bis zu 4 Wochen ansteckend ist.

 

Gibt es Langzeitfolgen?

Möglich! Säuglinge, die eine RSV-Lungenentzündung hatten, haben ein etwas erhöhtes Risiko, dass ihre Atemwege in Zukunft „empfindlicher“ auf Fremdstoffe und/oder Erreger reagieren und z.B. Lungen-Asthma entwickeln.

 

Was sagen die Kinderärzte:innen?

Auch wenn die regionale Lage gerade sehr besorgniserregend ist, sind die Kinder- und Jugendärzt:innen sich einig.

Nach monatelangen Kontaktbeschränkungen, insbesondere zu Gleichaltrigen, und trotz der möglichen individuellen Gefahren, sollten alle Kinder und Jugendlichen (nach entsprechender objektiver Risikoabwägung insbesondere der Kinder mit Risiko für einen sehr schweren Verlauf, s.o.) einen normalen Alltag mit sozialen Kontakten zu Gleichaltrigen haben.

 

Quellen:

dpa/aerzteblatt.de

https://www.aerzteblatt.de/treffer?mode=s&wo=1041&typ=1&nid=127834&s=RSV

https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/38_21.pdf?__blob=publicationFile 

https://influenza.rki.de/Wochenberichte/2020_2021/2021-39.pdf

Florin et a., (2017). Viral bronchiolitis. Lancet, Jan 14;389(10065):211-224. doi: 10.1016/SO140-6736(16)30951-5.

Ankermann. Kinder- und Jugendmedizin 2012, 2:1 AAP. Pediatrics 134: e1474

AAP  Pediatrics 2014 134: e1474-e1502 Florin. Lancet 2017. 389:211modifiziert nach Ankermann T (Vortrag UKSH 2018)

 

 

Ihr Dr. med. Michael Dördelmann