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Regulationsstörungen Teil 1

„Alles nur eine Phase!“ Regulationsstörungen im Säuglingsalter Was steckt hinter Drei-Monats-Koliken und den sogenannten „Schrei-Babys“?

Für Säuglinge ist Schreien in den ersten Lebensmonaten aufgrund der noch ausstehenden Sprachentwicklung ein wichtiges Kommunikationsmittel, um auf die Außenwelt zu reagieren. Über das Schreien können Kinder auf ihre Grundbedürfnisse wie Hunger, Müdigkeit und Gründe für Unwohlsein (z.B. Schmerzen, nasse Windeln oder unangenehme Reize) aufmerksam machen.

Vermehrtes Schreien kommt bei Säuglingen im Laufe der ersten 3 Lebensmonate häufig vor und ist Teil der frühkindlichen Entwicklung

Kinder sind verschieden und die individuelle Art des Schreiens – zum Beispiel hinsichtlich Lautstärke, Dauer und Intensität – ist von unterschiedlichen Faktoren abhängig. Im Laufe der Entwicklung der ersten Lebensmonate verändert sich das Schreien eines jeden Kindes. So ist es vollkommen „normal“, dass Säuglinge bis zur 6. Lebenswoche häufiger und länger Schreien als in den Wochen zuvor – in der 6. Lebenswoche sogar bis zu 3 Stunden täglich und vermehrt in den Abendstunden.

 

Ab dem 4. Lebensmonat nimmt diese Intensität und Frequenz in der Regel auch ohne besondere Maßnahmen deutlich ab. Aus diesem Grund hat man bisher bei vermehrtem Säuglingsschreien traditionell auch von den sogenannten Drei-Monats-Koliken gesprochen.

Was ist eine Kolik? Warum ist der Begriff Drei-Monats-Kolik veraltet?

In der medizinischen Fachsprache ist „Kolik“ üblicherweise ein Begriff für wellenförmige, krampfartige Bauchschmerzen. Der Begriff Säuglingskolik beschreibt somit den lang gehegten Glauben, dass die Ursache vermehrten Schreiens junger Säuglinge vor allem auf Bauchschmerzen zurückzuführen ist. Dies trifft jedoch vermutlich nur auf eine geringe Anzahl zu. Zahlreiche Studien und Beobachtungen im klinischen Alltag konnten in den letzten Jahren zeigen, dass dem vermehrten Schreien im Säuglingsalter verschiedenste Ursachen zugrunde liegen können.

Mit der seither aktualisierten Bezeichnung Regulationsstörung wird somit der Fokus hin zu einer ganzheitlicheren Betrachtung der betroffenen Kinder in ihrer Umwelt und Interaktion mit den Eltern verschoben. Der Begriff Regulationsstörung beschreibt dabei die beeinträchtigte Fähigkeit der Kinder zur eigenen Beruhigung. Diese Fähigkeit wird im Laufe der ersten Lebensmonate ausgebildet und ist sehr störanfällig. Neben exzessivem Schreien können sich Regulationsstörungen auch in Form von verändertem Schlafrhythmus oder Essverhalten zeigen und durch Interaktionsstörungen zwischen Eltern und Kind verstärkt werden.

Der Begriff Regulationsstörung beschreibt die beeinträchtigte Fähigkeit zur eigenen Beruhigung. Diese Fähigkeit wird im Laufe der ersten Lebensmonate ausgebildet.

Ab wann spricht man von einem „Schreibaby“ oder exzessivem Schreien?

Um exzessives Schreien vom physiologisch vermehrten (also „normalem“) Schreien in den ersten 3 Lebensmonaten zu unterscheiden, nutzt man die sogenannte 3er-Regel nach Wessel (Wessel et al., Pediatrics, 1954): Kindliches Schreien, das über 3 Stunden pro Tag, an mehr als 3 Tagen pro Woche, in jeder Woche über einen Zeitraum von 3 Wochen auftritt, bezeichnet man danach als exzessives Schreien. Da vermehrtes Schreien bis zum Ende des 3. Lebensmonats typischerweise im Rahmen der Entwicklung auftritt, spricht man erst ab dem 4. Lebensmonat von exzessivem Schreien im Sinne einer Regulationsstörung.

Wenn ein Kind mehr als 3 Stunden pro Tag an mehr als 3 Tagen pro Woche über einen Zeitraum von 3 Wochen schreit, nennt man das auch exzessives Schreien.

Wann sollte man sich über sein schreiendes Kind Sorgen machen?

In den meisten Fällen ist vermehrtes Schreien in den ersten drei Lebensmonaten also tatsächlich eine „Phase“, die meist ohne Maßnahmen wieder vorbeigeht. Woran merke ich nun aber, dass weitere Untersuchungen notwendig sind?

Treten zusätzlich zum vermehrten Schreien Fieber, eine verzögerte Entwicklung, Stuhlgangsveränderungen (z.B. Blutbeimengung im Stuhl, dauerhafter Durchfall) oder eine zu geringe Gewichtszunahme auf, dann sollten mögliche körperliche Ursachen kinderärztlich abgeklärt werden. Um die Häufigkeit und Dauer des Schreiens objektiv einschätzen zu können, hilft eine Art Tagebuch, in dem Mahlzeiten, Schlaf- und Schreizeiten des Kindes notiert werden.

Treten zusätzlich zu vermehrtem Schreien Beschwerden wie Fieber, Stuhlgangsveränderungen oder eine verzögerte körperliche oder geistige Entwicklung auf, dann sollte eine kinderärztliche Vorstellung erfolgen.

Mögliche Ursachen für Regulationsstörungen im Säuglingsalter

Regulationsstörungen bei Säuglingen können verschiedene Ursachen haben. Eine schwierige Interaktion oder Beziehung zwischen Eltern und Kind kann eine Regulationsstörung verstärken oder auslösen. Es gibt jedoch auch verschiedene körperliche (sogenannte „organische“) Ursachen für das exzessive Schreien im frühen Säuglingsalter:

  • Schmerzen:

Auch wenn die frühere Annahme, dass alle „Säuglingskoliken“ durch Bauchschmerzen ausgelöst werden, nicht belegt werden konnte, kann exzessives Schreien bei Säuglingen dennoch von Schmerzen ausgelöst werden. Ursachen für Schmerzen und damit verbundenes Schreien können zum Beispiel eine Verstopfung (Obstipation) oder Harnwegsinfekte sein. Seltener werden auch Mittelohrentzündungen als Ursachen für vermehrtes Schreien diskutiert. Im frühen Säuglingsalter treten diese jedoch äußerst selten auf.

  • Kuhmilcheiweißallergie:

Eine Kuhmilcheiweißallergie kann ebenfalls zu Unbehagen führen, welches sich in vermehrtem Schreien des Säuglings ausdrückt. Gleichzeitig können dann jedoch üblicherweise zusätzlich Stuhlgangsveränderungen und ein verzögertes Wachstum beobachtet werden. In vielen Fällen können solche Kuhmilcheiweißallergien im Laufe mehrerer Monate wieder verschwinden.

  • „Luftschlucken“

In manchen Fällen kann unkoordiniertes Trinken des Säuglings oder die Anwendung ungeeigneter Sauger dazu führen, dass zu viel Luft geschluckt wird. Dies wiederum kann zu schmerzhafter Luftansammlung im Bauch und vermehrtem Schreien des Säuglings führen. Eine Stillberatung kann hier weiterhelfen.

Quellen:

Dr. Michael Dördelmann
Ihr Dr. Michael Dördelmann
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