Mehr Keime - Weniger Allergien?

Unser sauberer Lebensstil vermindert häufig die Mikroben Vielfalt im Körper. Das verwirrt unser Immunsystem und kann Allergien begünstigen.

Was bedeuten gut gemeinte, aber zuweilen “übertriebene“ Hygienebemühungen und Antibiotika für unsere Gesundheit? Trägt der verminderte Kontakt zu Erregern in den Industrieländern und der Verlust „normaler“ Bakterienbesiedlung, des Mikrobioms, nach Antibiotikatherapie dazu bei, dass Krankheiten wie Allergie und Neurodermitis zunehmen (Platt-Mill et al. Journal of Allergy and Clinical Immunology, 2015)?

Inzwischen leidet jedes fünfte Kind in Deutschland unter einer Allergie. Was haben damit weniger Mikroben im Darm, auf der Haut und in der Lunge damit zu tun? Die Antwort: Bakterien trainieren unser Immunsystem. Sie geben dem Immunsystem Signale – im Guten wie im Schlechten.

Das Immunsystem lernt, auf gefährliche Eindringlinge mit aller Härte zu reagieren. Es muss  aber auch lernen, ungefährliche, körperfremde Stoffe nicht zu bekämpfen und diese zu tolerieren. Es geht dabei um die richtige Balance.  Wenn sich das Mikrobiom „unnatürlich“ verändert, kann auch das Immunsystem aus dem Gleichgewicht geraten. Es bekämpft dann auch harmlose Inhalte in der Nahrung, in der Luft, auf der Haut oder sogar eigene Körperzellen. Die Folgen ist u.a. ein erhöhtes Risiko, eine Allergie zu entwickeln.

Zwar nimmt die absolute Zahl der Mikroben, die auf und in uns wuchern nicht ab, aber die Vielfalt ist geringer (Clemente et al. Science Advances, 2015). Die Ursache dafür sind „übertriebene“ Hygienemassnahmen, aber auch die moderne Medizin. Immer mehr Babys kommen per Kaiserschnitt zur Welt und verpassen damit die Keimaufnahme bei einer vaginalen Geburt. Mütter stillen weniger, Trinkflaschen / Schnuller werden regelmässig sterilisiert und zuweilen werden auch Antibiotika falsch und unnötig eingesetzt. Dies ist in den ersten Lebensmonaten besonders relevant, da sich dort das Mikrobiom etabliert, das die Kinder im weiteren Leben in sich tragen (Nimwegen et al.  Journal of Allergy and Clinical Immunology, 2011; Koplin et al. Pediatric Allergy and Immunology, 2008; Droste et al. Clinical and Experimental Allergy, 2000; Riedler et al. Lancet, 2001).

Bei allen Errungenschaften von Hygiene und Antibiotika: Es ist ein Nachteil, wenn die – sich seit Jahrtausenden gewachsenen – Verbindungen zwischen („guten“) Mikroben und Menschen gestört werden.

Dies und noch viel mehr ist Inhalt unserer Fortbildung „ Allergien“ am 11.01.2021 

Ihr Dr. Michael Dördelmann