COVID-19 bei Kindern - was wir wissen

Was ist bekannt?

Die COVID-19 Erkrankung bei Kindern ist deutlich seltener als bei Erwachsenen und verläuft meist mild und selbstlimitierend. Viele Kinder sind auch ohne spezifische Krankheitszeichen mit SARS-CoV-2 infiziert und damit potentielle Überträger. In welchem Ausmaß Kinder zur Ausbreitung des Virus beitragen und ob das vom Alter des Kindes sowie von der Ausprägung der Symptome abhängt, ist zurzeit Gegenstand intensiver Diskussionen. Symptomfreie Kinder, Säuglinge, Klein– und Grundschulkinder scheinen diesbezüglich eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. Die Erkenntnisse dazu haben aber eine immense Dynamik. Es gibt dazu nahezu jeden Tag neue – sich zum Teil auch (teilweise) widersprechende – Forschungsergebnisse.

Literatur und eine Übersicht der Studien zu finden auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie:

https://dgpi.de/stellungnahme-medikamentoesen-behandlung-kindern-covid-19/

 

Erreger und Übertragung

Das Virus SARS-CoV-2 (severe acute respiratory syndrome coronavirus type 2) wurde Anfang 2020 als Ursache der sogenannten Corona Virus Disease-19 (COVID-19) identifiziert. Die Infektion erfolgt über die Anheftung des Virus an den sogenannten ACE2-Rezeptor, der sich beim Menschen vor allem im Atemwegstrakt, aber auch im Darm, der Niere und im Herzmuskel befindet. Die Erkrankung betrifft vor allem die Atemwege. Daher kann der Erreger aus Atemwegsproben (Nasen-Rachen-Abstrich, Rachen- und Lungenspülwasser) und Aerosolen nachgewiesen werden. Letztere sind auch der Hautübertragungsweg. Andere Körperflüssigkeiten wie Blut, Stuhl oder Schweiß spielen für die Übertragung keine wesentliche Rolle.

 

Viruslast bei Kindern

Kinder mit SARS-CoV-2 Infektion haben eine vergleichbare Virusmenge im Nasen-Rachenraum wie Erwachsene und sind auch bei asymptomatischem Verlauf ansteckend. Ob jüngere Kinder weniger infektiös sind als Erwachsene ist umstritten. Die höchste Viruslast haben sie kurz vor und bis etwa 5 Tage nach Symptombeginn. Dabei scheint die Virusausscheidung bei Kindern länger zu dauern als bei Erwachsenen. Ob sie dabei aber auch länger infektiös sind, ist unklar.

 

Übertragungsraten zwischen Kindern und ihrem Umfeld

2/3 der Kinder mit engem Kontakt zu viruspositiven Familienmitgliedern infizieren sich nicht. Als Gründe dafür gelten: Kinder (und hier vor allem Kleinkinder von 1-6 Jahren) haben im Vergleich

  • mehr Antikörper gegen andere saisonale Viren (Kreuzimmunität)
  • effektivere Abwehrzellen (T-Zellen) und
  • eine geringere Dichte an „Andockstellen“ für das Virus (ACE Rezeptoren, s.o.).

 

Die Ansteckungsrate für Erwachsene ist bei Kleinkindern niedriger (5%) als bei Jugendlichen (20%). Die Ansteckungsrate zwischen Kindern ist situativ unterschiedlich und beträgt in der Schule 0 – 13%, bei Übernachtungen in einem geschlossenen Raum bis zu 51%.

 

Fallzahlen in Deutschland (Stand 24.11.2020)

Bis Ende November 2020 wurden bei einer Gesamtzahl von 942.687 COVID-19 Fällen in Deutschland 17.733 Kinder zwischen 0-4 Jahren und 56.562 Kinder zwischen 5-15 Jahren registriert, d.h. ca. 7% aller COVID 19 Erkrankten in Deutschland sind Kinder. Dies korreliert zu der weltweit dokumentierten Zahl von circa 5%. Die Dunkelziffer der infizierten, aber symptomlosen Kinder ist deutlich höher. Ein Antikörper-Screening bei Kindern zeigte eine 6-fach höhere Rate an SARS-CoV-2 Infektion.

Von den etwa 74.000 in Deutschland an COVID 19 erkrankten Kindern mussten 427 im Krankenhaus behandelt werden, nur 3 Kinder sind verstorben.

 

Klinische Symptome und Risiko zu versterben

Die Symptome der Kinder sind COVID-19 sind sehr variabel. 20% der infizierten Kinder haben keinerlei Krankheitszeichen.  Bei den restlichen 80% treten folgende Symptome auf:

  • Fieber und Husten (ca. 50%)
  • Halsschmerzen (ca. 30%)
  • Schnupfen (ca. 15%)
  • Störungen im Geruchs- und Geschmackssinn (ca. 6%)
  • Glieder- und Kopfschmerzen (jeweils ca. 20-30%)
  • Durchfall und/oder Erbrechen (ca. 10-20%)

 

10% der Kinder mit COVID-19 benötigen eine intensivmedizinische Behandlung. Potentielle Risiken für einen schweren COVID-19 Verlauf haben Säuglinge <1 Jahr und Kinder mit einer vorher bestehenden Grunderkrankung. Dennoch sind bisher erst drei Kinder < 18 Jahre in Deutschland an COVID-19 verstorben, alle hatten Vorerkrankungen!

 

Welche Schlüsse kann man jetzt daraus ziehen?

Was bedeuten diese Zahlen aus Ende 2020 heute? Kann man daraus schließen, dass Kinder nicht wesentlich an COVID 19 erkranken? Sind Kinder zumindest bis zum Grundschulalter tatsächlich kaum an der Ausbreitung der Infektion beteiligt? 

Es gilt immerhin weiter, dass Kinder nur ein sehr geringes Risiko für einen schweren Verlauf einer COVID Erkrankung haben. Daran ändern auch die aktuellen Meldungen über die mutierten Corona Viren nichts.

Die zweite Frage ist – Stand heute – leider nicht sicher zu beantworten. Für den bis dahin bekannten SARS-CoV-2 Virus konnte man davon ausgehen, dass Kinder eher weniger zur Ausbreitung des Virus beitragen und daher zumindest Kindergärten und Grundschulen unter entsprechenden Hygienemaßnahmen öffnen könnten. Seit Anfang 2021 mehren sich international Meldungen über mutierte SARS-CoV-2 Viren, die zwar nicht „krankmachender“ sind, aber deutlich ansteckender sein könnten. Damit müssen die Daten neu bewertet werden, um in unmittelbarer Zukunft verantwortliche Entscheidungen treffen zu können.

Ihr Dr. Michael Dördelmann