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Allergien im Kindesalter
Wie kann ich vorbeugen?

Allergien nehmen in Deutschland rasant zu, aktuell entwickeln 20-30% aller Kinder im Laufe ihres Lebens eine Allergie. Die Gründe dafür sind vielfältig und nicht alle sind bekannt. Es ist aber dennoch möglich, das Risiko für eine klinisch bedeutsame Allergie zu senken.

Wir stellen Euch die aktuelle Leitlinie der Gesellschaft für pädiatrische Allergologie (GPA) zur Allergievorbeugung vor. Im ersten Beitrag geht es darum, welche Maßnahmen ALLERGIEN VORBEUGEN können, d.h. Allergien gar nicht erst entstehen bzw. ausbrechen zu lassen (primäre Vorbeugung).

Was könnt ihr GENERELL für die primäre Vorbeugung vor Allergien tun?

(1) Rauchen und Luftschadstoffe (chronische Reizung der Schleimhäute) meiden

  • Vermeiden von aktiven und passiven eingeatmeten Tabakrauch (gilt bereits während der Schwangerschaft!)
  • Vermeiden bzw. verringern von Luftverschmutzung (z.B. Kraftfahrzeug-bedingten Emissionen)
  • Diese Risikofaktoren sind wissenschaftlich am besten belegt, werden aber nur vergleichsweise wenig beachtet bzw. sind durch spezifische Lebensumstände nicht immer zu vermeiden.


(2) Mögliche Allergene nicht meiden, sondern nehmen

Gerade wenn eine erbliche Veranlagung in der Familie vorliegt (ein oder beide Elternteile leiden z.B. an einer Allergie oder atopischer Dermatitis), versuchen viele Eltern als schwangere/stillende Mütter und bei ihren Kindern, die Konfrontation mit Allergenen (Nahrungsmittel, Tiere) zu vermeiden.
Dabei steht nach neusten Forschungsergebnissen nun nicht mehr die Allergen-Meidung im Zentrum der Allergievorbeugung, sondern genau das Gegenteil: die Allergen-Konfrontation.

Warum ist das so?

Die Darm- und Atemwegsschleimhäute sind die „Konfrontations“stellen, an denen das Immmunsystem idealerweise seine Umwelt kennenlernt. Genau hier „lernt“ das Immunsystem des Säuglings „ausgewogen“ zu reagieren. Es toleriert harmlose „Fremdstoffe“ und wehrt gefährliche (z.B. krankmachende Erreger oder Schadstoffe) ab (wichtig: dies passiert auch schon während der Schwangerschaft!).

Bei diesem Lernprozess spielen

  • vererbte Faktoren (Eltern/Geschwister auch mit Neigung zu „fehlgeleiteter Immunreaktion = z.B. Allergie) und
  • die Besiedlung der Schleimhäute mit Erregern (Geburtsmodus: Kontakt zu natürlichen Erregern durch vaginale Geburt, Antibiotikakontakt: Mutter u/o. Kind mit Antibiotika behandelt) eine wichtige Rolle.

Gerade in den ersten (1-) 3-4 Monaten sollte das Immunsystem / Mikrobiom unbeeinträchtigt „natürlich reifen“, denn dort gibt es bei Veranlagung ein erhöhtes Risiko eine Allergie zu entwickeln.
Ab dem (1.) 3. Monat gibt es ein „immunologisches Zeit-Fenster für Toleranz-Entwicklung“. Wie lange dieses offensteht, ist nicht klar. Es scheint sich aber im 7.-8. Lebensmonat wieder zu verkleinern.

Was könnt ihr SPEZIELL für die primäre Vorbeugung vor Allergien tun?

Geburtsmodus

  • Kein elektiver („Wunsch“-) Kaiserschnitt

Mutter in Schwangerschaft und Stillzeit

  • Keine diätetischen Einschränkungen (bzgl. vermuteter Nahrungsmittelallergene) während Schwangerschaft oder Stillzeit

Die mütterliche Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit spielt – wenn sie ausgewogen und gesund ist – keine Rolle für die Vorbeugung einer Allergie. Das heißt Schwangere und Stillende brauchen keine Nahrungsmittel weglassen, um eine Allergieentwicklung zu verhindern. Fischverzehr hat keine vorbeugende Wirkung.

Ernährung Risikokind nach Geburt

Stillen und Vermeiden komplexer Tiermilchproteine in den ersten Lebenstagen.

  • Stillen hat viele Vorteile für Mutter und Kind.
  • Für die ersten 4-6 Monate sollte – wenn möglich – ausschließlich gestillt werden. Während der Beikosteinführung sollte möglichst weitergestillt werden.

Wenn die Mutter stillen möchte, sollte Zufüttern von tiermilchbasierter Formulanahrung bis zum Milcheinschuss (1. und 2. Lebenstag) vermieden werden. Alternativ hoch-hydrolysierte Formula-Nahrung (enthält keine komplexen Eiweiße)
Aber: Frühe (> 4.Lebenswoche) Gabe von Kuhmilchbasierter Formulanahrung hingegen schützt vor der Entwicklung einer Kuhmlchallergie (immunologisches Zeitfenster!)

  • Keine Hypoallergene (HA) Nahrung

Aktuell käufliche (!) HA Nahrungen sind zur Vorbeugung von Allergien u/o der atopischen Dermatitis nicht effektiv

Keine Soja-, Getreide- oder andere Tiermilchen

  • Beikost ab Beginn 5. Lebensmonat: „alles anbieten, was Euer Baby nimmt und den aktuellen Empfehlungen entspricht“. Dabei sind weder Monokost (z.B. „nur Karotte“) noch spezielle Zeitintervalle „3 Tage dies, die nächsten 3 Tage das“) notwendig
  • Beikost mit Erdnussprodukten

Bei Säuglingen mit (bzw. mit Risiko für) atopische Dermatitis (atopische Dermatitis bei Eltern) sind bei Beikosteinführung Erdnussprodukte (z.B. Erdnussbutter) sinnvoll, sofern dann noch keine Erdnussallergie besteht (vorher testen!)

  • Beikost mit Hühnereiweiß

Hühnereiweiß soll mit Beikosteinführung als durcherhitztes (verbackenes – gekochtes Ei, aber nicht roh oder Rührei) gegeben werden

  • Keine gesicherte Wirkung von Probiotika, Präbiotika, Vitamin D in Dosierungen > 500IE und Omega-3-Fettsäuren für die Vorbeugung einer Allergie oder einer atopischen Dermatitis. Daher keine mütterliche Einnahme oder Gabe bzw. Zusatz zu Formulanahrungen zur Allergievorbeugung

     

Haustiere

  • Familien ohne Risiko: keine Einschränkungen
  • Familien mit Risiko oder Kinder mit bereits bestehender atopischer Dermatitis: keine Katze NEU anschaffen. Hunde sind kein Problem

Hausstaubmilben

  • Keine Maßnahmen (z.B. Encasing mit spezieller Bettwäsche etc)

Übergewicht

  • Vermeidung zur Asthmavorbeugung

Impfungen

  • Schützen vor Allergien

Quellen:

  • Kopp M. Neue Leitlinie Allergieprävention, online Vortrag 23.03.2022
    https://www.gpau.events/23-maerz-2022-allergiepraevention/
  • Kopp M Allergologie 2022; 45:1 (in press)
  • Urashima M. JAMA Pediatr 2019; 173:1137
  • Sakihara T. J Allergy Clin Immunol 2021; 147:224
  • Litonjua AA. N Engl J. Med 2020;382:525 
Dr. Michael Dördelmann
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